FokusFunken

Das leise Jein


Es gibt Entscheidungen, die treffen wir mit Überzeugung.
Ja.
Nein.
Und dann gibt es dieses andere Gefühl.
Dieses leise Jein.
Wir spüren, dass etwas nicht mehr richtig passt. Dass sich etwas verändern sollte. Dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem wir uns eine andere Richtung wünschen.
Und trotzdem bleiben wir stehen.
Nicht, weil wir uns bewusst dafür entschieden haben.
Sondern weil wir uns noch nicht dagegen entschieden haben.
Das leise Jein begegnet uns häufiger, als wir denken. Es sitzt in Beziehungen, die nicht mehr guttun. In Träumen, die seit Jahren auf den richtigen Zeitpunkt warten. In Gewohnheiten, die wir längst hinterfragen. Und in all den Situationen, in denen wir ahnen, dass eine Entscheidung ansteht.
Solange wir weder Ja noch Nein sagen, müssen wir nichts riskieren. Wir müssen keine Gewohnheiten loslassen, keine Unsicherheiten aushalten und uns nicht mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass etwas schiefgehen könnte.
Das Problem ist nur:
Auch das Jein ist eine Entscheidung.
Eine Entscheidung für den aktuellen Zustand.
Eine Entscheidung dafür, dass morgen wahrscheinlich genauso aussieht wie heute.
Vielleicht ist genau das die unbequemste Erkenntnis.
Nicht jede Entscheidung wird durch ein klares Ja oder Nein getroffen.
Manche treffen wir, indem wir nichts tun.
Wenn wir an diesem Punkt stehen, tun wir oft das, was Menschen schon immer getan haben:
Wir fragen andere um Rat.
Wir sprechen mit Freunden, Familie oder Arbeitskollegen. Wir holen uns eine Meinung nach der anderen ein und hoffen, dass irgendwann jemand das sagt, was die Entscheidung leichter macht.
Doch mit jeder neuen Meinung wird es oft nicht klarer, sondern lauter.
Die Wünsche anderer, ihre Erfahrungen, ihre Ängste und Überzeugungen mischen sich unter unsere eigenen Gedanken.
Und irgendwann wissen wir zwar, was alle anderen tun würden – aber nicht mehr, was wir selbst eigentlich wollen.
Wenn Menschen zu mir ins Coaching kommen, geht es deshalb nicht darum, eine weitere Meinung zu bekommen.
Es geht darum, einen Raum zu haben, in dem die eigene Stimme wieder hörbar werden darf.
Einen Raum, in dem niemand bewertet, überzeugt oder Ratschläge verteilt.
Einen Raum, in dem es nicht darum geht, was richtig oder falsch ist, sondern darum, was für dich stimmig ist.
Dabei erlebe ich immer wieder etwas Erstaunliches:
Die Antwort ist häufig schon da.
Nicht als laute Stimme, die uns den Weg weist. Eher als ein leises Gefühl, das zwischen Vernunft, Sorgen und den Erwartungen anderer kaum noch zu hören ist.
Und manchmal wird aus einem leisen Jein dann ein klares Ja.
Manchmal ein befreiendes Nein.
Und manchmal entsteht etwas ganz anderes: Die Erkenntnis, dass die Antwort die ganze Zeit da war.
Vielleicht liegt Klarheit nicht am Ende eines weiteren Gedankenkreisels.
Vielleicht entsteht sie dort, wo wir bereit sind, einen Moment im inneren Chaos stehen zu bleiben.
Dort, wo Fragen noch offen sind.
Wo wir nicht sofort eine Lösung finden müssen.
Wo wir ehrlich hinschauen.
Vielleicht ist das Chaos also nicht der Gegner der Klarheit.
Vielleicht ist es manchmal einfach der Ort, an dem sie entsteht.
Und vielleicht ist das leise Jein gar kein Zeichen dafür, dass du die Antwort nicht kennst.
Vielleicht hast du ihr bisher nur noch nicht richtig zugehört.