Jeder Mensch bekommt bei einer ersten Begegnung einen kleinen Vertrauensvorschuss.
Kein tiefes Vertrauen. Nicht dieses Vertrauen, das über Jahre wächst, schon ein paar schwierige Zeiten überstanden hat und bei dem man ziemlich genau weiß, woran man miteinander ist.
Eher ein erstes, vorsichtiges Grundvertrauen.
Wir kennen den anderen noch nicht und haben im Idealfall zunächst auch keinen Grund, ihm zu misstrauen. Also gehen wir erst einmal davon aus, dass das, was er sagt, stimmt. Dass er ehrlich ist. Dass seine Freundlichkeit tatsächlich freundlich gemeint ist.
Vielleicht auch deshalb, weil wir selbst so in eine Begegnung gehen.
Wir gehen davon aus, dass der andere ehrlich ist, weil wir es auch sind?
Oh.
Was ist denn das?
Aus unserer eigenen Perspektive ist die Sache nämlich ziemlich klar. Wir gehen ehrlich in diese Begegnung und setzen fast selbstverständlich voraus, dass unser Gegenüber das ebenfalls tut.
Vielleicht beginnt dieser erste Vertrauensvorschuss also gar nicht nur beim anderen.
Vielleicht beginnt er bei uns selbst.
Natürlich sind wir nie vollkommen unvoreingenommen. Dafür bringen wir viel zu viel mit. Erfahrungen, Erinnerungen, Sympathien und Antipathien. Manchmal reicht schon eine Kleinigkeit und wir finden jemanden sympathisch oder eben nicht.
Warum eigentlich?
Gute Frage.
Trotzdem bekommt ein neuer Mensch meistens zunächst eine Chance.
Und häufig ist genau das der Anfang einer Verbindung zwischen Menschen. Einer Freundschaft vielleicht. Einer angenehmen Bekanntschaft. Eines guten Verhältnisses unter Kollegen.
Man lernt sich kennen. Spricht miteinander. Erlebt ein paar Situationen gemeinsam.
Der Vertrauensvorschuss hält.
Vielleicht wird er sogar langsam größer.
Bis plötzlich von außen etwas dazukommt.
Jemand erzählt uns etwas über diesen Menschen, das uns irritiert.
Vielleicht erfahren wir, dass er viel Kontakt zu jemandem hat, mit dem wir selbst ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Vielleicht passt diese Information einfach überhaupt nicht zu dem Bild, das wir uns bisher von ihm gemacht haben.
Und wir haben nicht einmal danach gefragt.
Die Information wurde uns einfach hingeworfen.
Ein bisschen wie eine Schlagzeile, an der man hängen bleibt, obwohl man eigentlich überhaupt keine Lust hatte, diesen Artikel zu lesen.
Jetzt wissen wir etwas, das wir vorher nicht wussten.
Oder zumindest glauben wir, etwas zu wissen.
Und da ist es.
Dieses schale Gefühl.
Man könnte meinen, das geht wieder weg.
Tut es aber nicht unbedingt.
Es ist erstaunlich hartnäckig.
Gerade eben war da noch das Gefühl: Mit diesem Menschen kann ich gut umgehen. Der ist ehrlich. Der meint es so, wie er es sagt.
Und jetzt?
Jetzt schauen wir anders hin.
Vielleicht haben wir nicht einmal mehr richtig Lust auf die nächste Begegnung. Nicht aus Wut. Eigentlich ist überhaupt nichts Dramatisches passiert.
Die Leichtigkeit ist einfach weg.
Auf einmal prüfen wir Dinge, die wir vorher gar nicht geprüft haben.
War das wirklich ehrlich gemeint?
Habe ich mich vielleicht getäuscht?
Warum versteht sich jemand, den ich bisher für ziemlich klar gehalten habe, ausgerechnet mit diesem Menschen so gut?
Und plötzlich ist aus einer einzigen Information eine ganze Menge geworden.
Dabei hat sich an dem Menschen selbst in diesem Moment gar nichts verändert.
Er ist derselbe wie eine Stunde zuvor.
Nur unser Blick auf ihn ist ein anderer geworden.
Und dann geht es los.
Wir hinterfragen den Menschen, über den gesprochen wurde.
Wir hinterfragen denjenigen, der uns diese Information gegeben hat.
Und irgendwann vielleicht auch uns selbst.
Warum beschäftigt mich das eigentlich so?
Habe ich etwas übersehen?
War ich zu vertrauensselig?
Oder lasse ich mich gerade von etwas beeinflussen, das ich überhaupt nicht richtig einordnen kann?
Wenn wir ehrlich mit uns sind, kennen viele von uns dieses Gefühl irgendwoher.
Vielleicht haben wir uns schon einmal in einem Menschen getäuscht.
Vielleicht wurden wir damals sogar gewarnt.
Diese Freundin ist keine wirkliche Freundin.
Der Typ ist nichts für dich.
Den Job würde ich nicht annehmen. Bei dem ständigen Personalwechsel kann doch irgendetwas nicht stimmen.
Und vielleicht haben wir nicht darauf gehört.
Wir wollten uns unser eigenes Bild machen. Vielleicht fanden wir die Warnung sogar ziemlich übergriffig.
Und irgendwann mussten wir feststellen:
Da war doch etwas dran.
Solche Erfahrungen bleiben hängen.
Beim nächsten Mal wollen wir es besser machen. Aufmerksamer sein. Nicht wieder etwas übersehen. Nicht später dastehen und denken: Eigentlich hätte ich es wissen können.
Und schon bekommt eine beiläufig hingeworfene Information ein ganz anderes Gewicht.
Nicht unbedingt, weil sie besonders eindeutig ist.
Sondern weil sie auf etwas in uns trifft, das schon einmal gelernt hat:
Nimm solche Hinweise lieber ernst.
Das klingt zunächst sogar ziemlich vernünftig.
Nur heißt das automatisch, dass unser Misstrauen dieses Mal recht hat?
Vielleicht ist genau das die Stelle, an der es interessant wird.
Denn verschiedene Dinge geraten schnell durcheinander:
Das, was tatsächlich passiert ist.
Das, was wir darüber denken.
Das, was wir schon erlebt haben.
Und das, wovor wir uns vielleicht schützen wollen.
Plötzlich fühlt sich alles wie eine einzige Wahrheit an.
Ist es aber möglicherweise gar nicht.
Vielleicht lohnt sich deshalb eine Frage:
Was von dem, was ich gerade sehe, ist tatsächlich da – und was davon entsteht durch das, was ich schon erlebt habe?
Oder etwas direkter:
Wie viel davon gehört eigentlich zu diesem Menschen – und wie viel davon ist deins?
„Deins“ bedeutet dabei nicht „falsch“.
Ganz im Gegenteil.
Unsere Erfahrungen sind real. Sie haben uns geprägt. Vielleicht haben sie uns vorsichtiger gemacht. Vielleicht auch klüger.
Manches davon schützt uns ziemlich zuverlässig.
Nur sitzen diese Erfahrungen bei neuen Begegnungen eben mit am Tisch.
Und manchmal reden sie ganz schön laut dazwischen.
Dann kann man sich durchaus fragen:
Wer redet da gerade eigentlich?
Die aktuelle Situation?
Eine alte Erfahrung?
Oder vielleicht beides?
Zum Glück funktioniert das Ganze übrigens auch andersherum.
Manchmal begegnen wir einem Menschen und haben ziemlich schnell eine Meinung.
Mit dem werde ich nicht warm.
Die ist bestimmt schwierig.
Vielleicht haben wir vorher schon etwas gehört. Vielleicht erinnert uns die Person an jemanden. Oder irgendetwas an ihr gefällt uns einfach nicht und wir könnten nicht einmal vernünftig erklären, warum.
Und dann überrascht uns dieser Mensch.
Er sagt etwas, womit wir nicht gerechnet haben. Verhält sich in einer Situation völlig anders, als wir es erwartet hätten. Ist vielleicht aufmerksam, herzlich, witzig oder gerade dann verlässlich, als wir ihm genau das nicht zugetraut hätten.
Und plötzlich bekommt unser erstes Urteil einen Riss.
Zum Glück.
Denn wir können uns täuschen.
In beide Richtungen.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, unserem Misstrauen weniger zu vertrauen oder unserem ersten Eindruck mehr.
Vielleicht geht es eher darum, nicht alles, was wir denken, sofort für eine Tatsache zu halten.
Was weiß ich wirklich?
Was vermute ich?
Was gehört zu diesem Menschen?
Und was habe ich selbst mitgebracht?
Darauf gibt es nicht immer sofort eine Antwort.
Muss es vielleicht auch gar nicht.
Manchmal hilft es schon, die Dinge wieder ein bisschen auseinanderzubekommen.
Und manchmal ist genau das die Stelle, an der Coaching hilfreich sein kann.
Nicht, weil dort jemand sitzt, der dir erklärt, wem du vertrauen sollst.
Sondern weil jemand mit dir hinschaut und vielleicht irgendwann fragt:
„Und wie viel davon ist eigentlich deins?“
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