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Nackt vor deiner Tür – Metaphern im Coaching


„Mir fällt die Decke auf den Kopf.“
„Ich stehe mit dem Rücken zur Wand.“
„Ich habe den Boden unter den Füßen verloren.“
Wenn jemand solche Sätze sagt, schauen wir normalerweise weder besorgt zur Decke noch suchen wir nach der Wand, vor der dieser Mensch gerade steht. Trotzdem verstehen wir ziemlich genau, was gemeint ist.
Das sind Metaphern.
Wir benutzen sie ständig, meistens ohne groß darüber nachzudenken. Sie geben Gefühlen, Gedanken oder Situationen ein Bild. Und manchmal sagen diese Bilder viel mehr als eine lange Erklärung.
Wenn eine Tür mehr als eine Tür ist
Der Künstler Tream griff in der Sendung „Sing meinen Song“ das Lied „Nackt vor deiner Tür“ von Frida Gold auf und machte es durch seinen Rhythmus, einige Textveränderungen und vor allem durch seine persönliche Geschichte zu seinem Lied.
Im Verlauf der Sendung erzählte er immer wieder davon, wie es sich anfühlt, als 27-Jähriger mit großen Träumen und Zielen plötzlich von einem bahnbrechenden Erfolg überrollt zu werden.
Er sprach von Ängsten, Erfolgsdruck und von der Verantwortung, die er inzwischen für ein großes Team trägt. Davon, dass er immer wieder neue Hits liefern muss und gleichzeitig versucht, auf dem Boden zu bleiben.
Da ist sie übrigens schon, die nächste Metapher.
Natürlich geht es nicht darum, dass Tream sich besonders bemüht, weiterhin mit beiden Füßen auf einem bestimmten Stück Erde zu stehen. Gemeint ist, dass er sich selbst nicht verlieren möchte. Dass er trotz Erfolg, Aufmerksamkeit und Erwartungen noch weiß, wer er eigentlich ist.
Auch in dem Lied spricht er nicht davon, tatsächlich nackt vor einer Haustür zu stehen.
„Nackt“ bedeutet hier, schutzlos und verletzlich zu sein. Nicht als der erfolgreiche Künstler Tream vor seinen Freunden zu stehen, sondern einfach als Timo. Ohne Bühne, ohne Rolle und ohne etwas darstellen zu müssen.
Die Tür, vor der er steht, bleibt für ihn offen. Er kann nach Hause kommen. Egal, wie erfolgreich er ist. Egal, ob der nächste Song ein Hit wird. Vielleicht sogar egal, ob er selbst gerade noch genau weiß, wo ihm der Kopf steht.
Auch dieses Zuhause ist nicht nur ein bestimmter Ort. Es steht für Vertrautheit, Schutz und das Gefühl, willkommen zu sein.
Das Lied erzählt also nicht nur von einer offenen Haustür. Es erzählt von Menschen, vor denen man die Rüstung ablegen kann, die man draußen vielleicht braucht.
Und ja, auch die Rüstung ist wieder eine Metapher.
Wir reden ständig in Bildern
Vielleicht hat mich seine Version deshalb so berührt. Mit wenigen Bildern beschreibt sie etwas, wofür man sonst wahrscheinlich sehr viele Sätze bräuchte.
Und genau das können Metaphern.
Ein Mensch kann lange davon erzählen, dass er erschöpft ist, zu viele Aufgaben übernimmt und nicht weiß, wo er anfangen soll.
Vielleicht sagt er aber auch einfach:
„Ich schleppe einen riesigen Rucksack mit mir herum.“
Und schon entsteht ein Bild.
Wie groß ist dieser Rucksack?
Wie schwer ist er?
Was befindet sich darin?
Gehört wirklich alles dem Menschen, der ihn trägt?
Oder trägt er vielleicht auch Dinge für andere mit?
Man könnte natürlich sofort einen gut gemeinten Ratschlag geben:
„Dann stell den Rucksack doch einfach ab.“
Problem gelöst.
Oder auch nicht.
Denn vielleicht gibt es einen Grund, warum er getragen wird. Vielleicht war er einmal wichtig. Vielleicht befinden sich darin nicht nur Belastungen, sondern auch Dinge, die der Mensch auf keinen Fall verlieren möchte.
Metaphern im Coaching
Metaphernarbeit im Coaching bedeutet deshalb nicht, das Bild eines anderen Menschen möglichst schnell zu erklären oder zu verändern.
Es bedeutet zunächst einmal, neugierig zu sein.
Manche Menschen befinden sich in einer Sackgasse. Andere stehen an einer Weggabelung, laufen gegen eine Wand oder drehen sich im Kreis.
Jemand hat einen Berg vor sich, sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr oder versucht verzweifelt, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten.
Hinter jedem dieser Bilder steckt eine eigene Bedeutung.
Eine Sackgasse kann bedrückend sein. Sie kann aber auch ein ruhiger Ort sein, an dem gerade niemand vorbeirast.
Eine Mauer kann ein Hindernis darstellen. Vielleicht bietet sie aber auch Schutz.
Und wer sich im Kreis dreht, bewegt sich immerhin noch – auch wenn es sich nicht nach Fortschritt anfühlt.
Wichtig ist nicht, was ich in einem Bild sehe.
Wichtig ist, was es für den Menschen bedeutet, der es benutzt.
Deshalb wäre es wenig hilfreich, sofort zu sagen:
„Diese Mauer steht bestimmt für deine Angst.“
Vielleicht tut sie das.
Vielleicht aber auch nicht.
Ich könnte stattdessen fragen:
Wie sieht diese Mauer aus?
Wie hoch ist sie?
Musst du wirklich darüberklettern?
Gibt es vielleicht eine Tür, einen Umweg oder jemanden, der auf der anderen Seite wartet?
Manchmal verändert schon eine einzige Frage das Bild.
Aus einer unüberwindbaren Mauer wird vielleicht eine Mauer mit einer kleinen Tür. Der schwere Rucksack bekommt Rollen. Und an einer scheinbaren Sackgasse taucht ein schmaler Weg auf, der vorher einfach nicht zu sehen war.
An der eigentlichen Situation hat sich dadurch noch nichts geändert. Am Blick darauf vielleicht schon.
Und das ist manchmal der Anfang.
Deine Metapher gehört dir
Treams offene Tür steht für seine Freunde, für Loyalität und für einen Ort, an dem er nicht der erfolgreiche Künstler sein muss.
Für einen anderen Menschen könnte dieselbe Tür etwas völlig anderes bedeuten.
Vielleicht die Angst, nicht hereingelassen zu werden. Vielleicht eine Entscheidung, die längst überfällig ist. Oder den Wunsch, eine Tür endlich hinter sich zu schließen.
Für Metaphern gibt es kein Wörterbuch, in dem man einfach die richtige Übersetzung nachschlagen kann.
Man kann also nicht sagen: „Aha, eine Tür bedeutet immer das.“
So funktioniert das nicht.
Metaphern sind persönlich. Manchmal versteht ein Mensch zunächst selbst nicht genau, warum er ausgerechnet dieses Bild benutzt. Gibt man ihm etwas Raum, kann es aber sichtbar machen, was mit sachlichen Erklärungen nur schwer zu greifen ist.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, den eigenen Worten etwas genauer zuzuhören.
Stehst du gerade vor einer verschlossenen Tür?
Trägst du etwas Schweres?
Drehst du dich im Kreis?
Oder gibt es irgendwo bereits einen kleinen Lichtblick, den du bisher noch nicht richtig wahrgenommen hast?
Manchmal steckt in einem Bild, das wir ganz nebenbei aussprechen, schon ein erster Hinweis auf den nächsten Schritt.
Und wenn du in deinem eigenen Bild gerade festhängst, können wir es gemeinsam anschauen.
Nicht, damit ich dir erkläre, was es bedeutet.
Sondern damit du herausfinden kannst, was es für dich bedeutet.
Und ja, ganz unter uns: Es hätte vermutlich durchaus seinen Reiz, wenn Tream tatsächlich nackt vor der Tür stehen würde.
Das weit größere Kompliment wäre aber, wenn er es im Sinne seiner Metapher könnte: als Timo, ohne Rolle, ohne sich verstellen zu müssen – und mit dem sicheren Gefühl, trotzdem hereingelassen zu werden.