FokusFunken

Wer spricht da eigentlich mit uns?


Kurz vor Feierabend wird noch die Spülmaschine in der Kaffeeküche eingeräumt. Der Kollege nimmt eine halbvolle Tasse, passt nicht richtig auf und stößt sich den Arm. Die Tasse fällt runter, der Inhalt verteilt sich über Schränke und Boden. Hemd und Hose sind stumme Zeugen, während er fassungslos dasteht und beginnt, sich aufzuregen.
Der Feierabend hat sich gerade um etwa 25 Minuten nach hinten verschoben, schließlich muss das alles noch sauber gemacht werden.
Er bedenkt sich selbst mit vielen wenig netten Ausdrücken und man merkt: So schnell wird er damit nicht aufhören.
Was machen wir?
„Ach, hör doch auf, das ist gar nicht so schlimm. Das kann doch jedem mal passieren. Lass uns das zusammen wegmachen.“
Und schon haben wir den Putzlappen in der Hand. Die großen Scherben haben wir natürlich längst entfernt.
Kurz nach dem Abendessen.
Wir haben den Tisch abgeräumt, jetzt noch schnell die Spülmaschine einräumen. Wir nehmen ein halbvolles Glas, werden abgelenkt und es fällt uns aus der Hand. Scherben und Getränk verteilen sich über die Schränke, den Boden und uns.
Was machen wir?
Wir beginnen eine Schimpftirade gegen uns selbst.
Nur meistens bekommt niemand etwas davon mit. Sie läuft lautlos ab, in unserem inneren Dialog.
Wir geben uns Namen und Bezeichnungen, bei denen wir, würde unser Chef oder Partner uns so betiteln, vermutlich direkt kündigen oder eine handfeste Partnerkrise beginnen würden.
Wieso tun wir das?
Wieso fällt es uns so schwer, netter zu uns zu sein?
Warum glauben wir eigentlich, dass wir mit uns anders reden dürfen als mit anderen?
Seit wann hilft Beschimpfen dabei, Scherben schneller aufzusammeln?
Die Scherben müssen wir sowieso aufheben.
Die Frage ist nur, ob wir uns dabei auch noch selbst in Stücke reden müssen.
Aber wer spricht da eigentlich mit uns?
Sind das wirklich wir?
Oder haben wir irgendwann gelernt, genau so mit uns zu reden?
Kein Lebewesen kommt auf die Welt und denkt erst einmal darüber nach, ob es eigentlich gut genug ist.
Und dann beginnt das Leben.
Schon in den ersten Tagen wird eingeordnet, verglichen und bewertet.
„Das Kind weint aber viel.“
„Das ist aber ein hübscher Junge. Der wird bestimmt mal groß und stark.“
„Was für ein niedliches Katzenbaby.“
Und ein paar Meter weiter entdecken wir ein Nest voller winziger Spinnen.
„Igitt. Mach das weg. Die Viecher sind ja überall.“
Dabei sind es auch einfach nur Babys.
Sie alle wissen noch nichts davon, wie wir sie gerade einordnen.
Wir Menschen allerdings lernen irgendwann zuzuhören.
Wir lernen, was gut ankommt und was weniger. Wofür wir gelobt werden. Womit wir anecken. Was sich gehört. Was man besser nicht macht. Was andere von uns erwarten.
„Pass doch besser auf.“
„Sei nicht immer so empfindlich.“
„Andere bekommen das schließlich auch hin.“
„Was sollen denn die Leute denken?“
Vielleicht wurde vieles davon gar nicht böse gesagt. Vielleicht war manches sogar gut gemeint.
Und wahrscheinlich erinnert sich derjenige, der so einen Satz irgendwann einmal gesagt hat, längst nicht mehr daran.
Oder wir selbst erinnern uns nicht einmal mehr an den Satz.
Nur irgendetwas davon ist geblieben.
Und irgendwann braucht es vielleicht gar niemanden mehr, der uns sagt, was wir besser machen sollten.
Das können wir dann selbst.
Aus „Pass besser auf“ wird irgendwann vielleicht:
„Ich bin einfach zu ungeschickt.“
Aus „Sei vernünftig“ wird:
„Das kann ich doch nicht machen.“
Und aus „Was sollen denn die Leute denken?“ wird vielleicht nur noch dieses ungute Gefühl, sobald wir etwas tun möchten, das nicht so recht zu dem passt, was bisher von uns erwartet wurde.
Vielleicht ist das unser innerer Kritiker.
Dieser kleine Querulant, der sich ziemlich zuverlässig meldet, wenn wir einen Fehler machen, etwas Neues ausprobieren wollen oder uns nicht ganz sicher sind.
Nur: Hat er deshalb immer recht?
Ich glaube nicht, dass wir unseren inneren Kritiker loswerden sollten.
Manchmal hält er uns auf dem Boden. Er warnt uns davor, uns zu übernehmen oder bringt uns dazu, noch einmal genauer hinzuschauen.
Ein bisschen wie ein Freund, mit dem es nicht immer ganz einfach ist.
Einer, der im richtigen Moment fragt:
„Bist du dir sicher?“
Leider neigt dieser Freund aber auch dazu, deutlich länger zu reden, als es nötig wäre.
Beim heruntergefallenen Glas hätte vielleicht gereicht:
„Pass beim nächsten Mal besser auf.“
Gut.
Verstanden.
Mehr müsste er eigentlich gar nicht sagen.
Stattdessen setzt er sich manchmal innerlich neben uns auf den Küchenboden und hält einen zwanzigminütigen Vortrag darüber, dass so etwas natürlich wieder nur uns passieren konnte und wir grundsätzlich ein Problem damit haben, Dinge richtig zu machen.
Dabei ist das Glas längst kaputt.
Der Boden muss gewischt werden.
Und vermutlich haben wir auch ohne den Vortrag verstanden, dass wir beim nächsten Mal ein bisschen besser aufpassen könnten.
Interessanter wird es allerdings, wenn es gar nicht um ein Glas geht.
Wenn eine Entscheidung ansteht.
Wenn wir etwas verändern möchten.
Wenn wir eine Grenze ziehen wollen.
Oder wenn da schon lange etwas ist, das wir gerne tun würden, und irgendeine Stimme in uns ziemlich zuverlässig erklärt, warum das keine gute Idee ist.
Wer spricht dann eigentlich mit uns?
Woher kennen wir diese Sätze?
Und passen sie überhaupt noch zu dem Menschen, der wir heute sind?
Vielleicht müssen wir unseren inneren Kritiker gar nicht zum Schweigen bringen.
Aber wir dürfen anfangen hinzuhören.
Und vielleicht irgendwann entscheiden, ob er wirklich immer das letzte Wort haben soll.