FokusFunken

Zwischen klugen Worten und echter Hilfe


Es ist einige Jahre her, da machten wir an einem Oktobertag einen Spaziergang. Es war neblig und nieselte, eher kühl als goldener Oktober.
Auf dem Weg nach Hause durchquerten wir ein Wohngebiet und kamen an gediegenen Einfamilienhäusern vorbei, alle schick und mit einem großen Gartengrundstück. In einem der Gärten versuchte eine junge Frau, einen Busch samt Wurzeln aus dem Boden zu zerren. Ein Stück entfernt stand vermutlich ihr Ehemann, ein Kleinkind auf dem Arm, und schrie sie an:
„Dein ganzer blinder Aktionismus führt zu rein gar nichts, wenn du keinen adäquaten Lösungsvorschlag vorzuweisen hast.“
Meine Kinder, damals Teenager und Kleinkind, blieben mit offenem Mund stehen und starrten auf die Szene.
„Mama, warum hilft er ihr nicht einfach?“, fragte eine meiner Töchter.
Ich weiß nicht, wie der Tag für die beiden und den Busch ausgegangen ist. Ich weiß aber, dass diese Szene bis heute bei uns in der Familie als Beispiel dafür gilt, wie man nicht besonders hilfreich miteinander umgeht.
Die Frage meiner Tochter war einfach. Vielleicht sogar so einfach, dass Erwachsene sie sich in solchen Momenten gar nicht mehr stellen. Stattdessen erklären wir dem anderen, warum sein Vorhaben nicht funktionieren kann. Wir weisen auf Fehler hin, analysieren sein Verhalten oder bieten ungefragt einen vermeintlich klugen Lösungsvorschlag an.
Wäre es nicht manches Mal hilfreicher, statt Ratschläge zu verteilen, kurz innezuhalten und zu fragen:
„Was braucht mein Gegenüber gerade von mir?“
Manchmal merken wir vermutlich gar nicht, was unsere Worte beim anderen auslösen. Wir wollen etwas erklären, richtigstellen oder verbessern und wundern uns anschließend, warum der andere plötzlich auf Abstand geht. Dabei hängt ein Gespräch eben nicht nur davon ab, was wir sagen, sondern auch davon, wie wir dem anderen dabei begegnen.
Die Momentaufnahme aus dem Garten zeigt für mich, dass Bildung und ein ausgewählter Wortschatz noch lange nichts darüber aussagen, ob wir wertschätzend miteinander umgehen. Manchmal lassen sich auch mit scheinbar klugen Worten Nackenschläge verteilen – Silbe für Silbe.
Ungefragte Ratschläge begegnen uns nicht nur dann, wenn wir von einem Problem erzählen. Manchmal treffen sie uns gerade in den Momenten, in denen wir etwas ausprobieren, eine Entscheidung treffen oder einen eigenen Weg einschlagen möchten.
Vielleicht will unser Gegenüber uns vor einem Fehler bewahren. Vielleicht sieht es eine Abkürzung, die wir selbst noch nicht erkannt haben. Und vielleicht ist es schlicht schwer auszuhalten, wenn ein Mensch, der uns wichtig ist, eine Erfahrung machen könnte, die wir ihm gerne ersparen würden.
Als Mutter kenne ich diesen Wunsch ziemlich gut.
Auch mir ist es nicht immer leichtgefallen, meine Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Schließlich glaubte ich manches Mal bereits zu wissen, wohin eine Entscheidung führen würde. Ich kannte mögliche Stolpersteine, hatte meine eigenen Erfahrungen gesammelt und hielt es deshalb für naheliegend, rechtzeitig darauf hinzuweisen.
Manchmal vermutlich auch mehrmals.
Und ausführlicher, als es nötig gewesen wäre.
Dabei durfte ich feststellen, dass „gut gemeint“ tatsächlich das Gegenteil von gut bewirken kann. Denn selbst der vernünftigste Ratschlag hilft wenig, wenn der andere ihn weder gesucht hat noch hören möchte.
Manche Erfahrungen lassen sich offenbar nicht weitergeben. Wir können erzählen, warnen und unsere Erkenntnisse in besonders überzeugende Worte verpacken. Trotzdem muss ein anderer Mensch manchmal selbst herausfinden, ob der eingeschlagene Weg für ihn der richtige ist.
Vielleicht braucht es dafür einen kleinen Umweg, eine falsche Abbiegung oder auch die Erfahrung, dass etwas nicht funktioniert. Nicht, weil wir ihm das wünschen. Sondern weil es sein Weg ist und nicht unserer.
Das bedeutet nicht, dass wir schweigend danebenstehen müssen, wenn jemand Unterstützung braucht. Aber es ist ein Unterschied, ob wir sofort mit unserer Lösung um die Ecke kommen oder erst einmal fragen, ob sie überhaupt gebraucht wird.
Vielleicht beginnt wertschätzende Kommunikation genau dort: nicht auf jede Frage schon eine Antwort haben zu müssen. Nicht jede Unsicherheit sofort beseitigen und nicht jeden Busch eigenhändig ausgraben zu wollen.
Ich weiß bis heute nicht, ob der Busch an diesem Oktobertag noch seinen Platz verlassen hat. Die Szene hat aber etwas in unserer Familie hinterlassen.
Mein Partner und ich begannen nach diesem Erlebnis, den Satz des Mannes auf unsere eigene Weise zu benutzen. Wenn einer von uns mit aller Kraft versuchte, etwas hinzubekommen, und dabei zunehmend verkrampfte, schauten wir uns an und fragten:
„Wollen wir einen Kaffee trinken und gemeinsam überlegen? Ich habe nämlich gerade keinen adäquaten Lösungsvorschlag parat.“
Manchmal hilft es tatsächlich, die Schaufel für einen Moment aus der Hand zu legen. Nicht, um aufzugeben, sondern um gemeinsam hinzuschauen. Ohne Vorwurf, ohne eine schnelle Lösung und ohne so zu tun, als müsste man längst wissen, wie es weitergeht.
Und genau darin liegt für mich ein wesentlicher Gedanke von Coaching.
Nicht darin, von außen auf das Leben eines Menschen zu schauen und ihm zu erklären, was er unbedingt tun sollte. Und auch nicht darin, zu all den bereits vorhandenen Ratschlägen einfach noch einen weiteren hinzuzulegen.
In einem Coaching darf zunächst sortiert werden. Gedanken können ausgesprochen, Fragen von verschiedenen Seiten betrachtet und Zusammenhänge entdeckt werden, die im eigenen Gedankenkreisen kaum noch zu erkennen waren.
Als Coach bringe ich dabei nicht die richtige Lösung mit. Ich stelle Fragen, höre zu, greife Gedanken auf und begleite den Prozess. Die Verantwortung für den eigenen Weg und die Entscheidungen bleibt bei dem Menschen, dessen Leben es schließlich auch ist.
Das bedeutet nicht, dass ich keine Gedanken oder Beobachtungen einbringe. Aber es macht einen Unterschied, ob ich sie als Möglichkeit anbiete oder als adäquaten Lösungsvorschlag präsentiere, den mein Gegenüber nun bitte umzusetzen hat.
Vielleicht braucht es gar nicht immer sofort eine Lösung.
Manchmal braucht es zunächst jemanden, der sich dazusetzt, einen Kaffee einschenkt und sagt:
„Lass uns gemeinsam überlegen.“