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Ein Herz aus Zucker und Zimt

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Eine Frau sitzt in einem Café. Alleine.
Vor ihr steht ein Milchkaffee. Auf dem Schaum ein kleines Herz aus Zucker und Zimt. Sie sieht zufrieden aus.
Sie sitzt einfach da. Mit ihrem Kaffee und ihren Gedanken.
Was ihr wohl gerade durch den Kopf geht?
Eine zweite Frau kommt an den Tisch und fragt, ob der Platz noch frei sei.
Die erste Frau schaut etwas verwundert auf. Offenbar wurde sie gerade aus ihren Gedanken geholt. Sie nickt.
Die zweite Frau setzt sich. Und beginnt zu plaudern.
„Zucker und Zimt auf dem Kaffee? Das ist ja furchtbar. Das geht ja gar nicht! Das hätte ich abbestellt oder mich zumindest beschwert.“
„Ich habe ihn extra so bestellt“, antwortet die erste Frau.
Die andere lacht. „Wer so was mag, frisst auch kleine Kinder.“
Die Frau mit dem Milchkaffee lächelt etwas verlegen. Trinkt ihren Kaffee aus, während die andere munter weiterredet. Dann bezahlt sie, steht auf, verabschiedet sich freundlich und wünscht noch einen schönen Tag.
Und geht.
Eine völlig belanglose Begegnung?
Vielleicht.
Aber schauen wir doch mal etwas genauer hin.
Da sitzt eine Frau alleine im Café. Warum eigentlich? Was interpretieren wir denn da?
Ist sie einsam? Hat sie Sorgen? Oder genießt sie einfach einen dieser seltenen Momente, in denen niemand etwas von ihr möchte?
Wir wissen es nicht.
Die zweite Frau übrigens auch nicht.
Vielleicht wollte sie einfach nett sein. Vielleicht hätte sie selbst nicht gerne alleine dort gesessen. Vielleicht wollte sie auch nur irgendwo sitzen.
Keine Ahnung.
Aber seit wann bedeutet alleine eigentlich einsam? Und seit wann ist ein freier Platz am Tisch gleichzeitig eine Einladung zu einem Gespräch?
Dann ist da noch der Zimt.
Die eine mag ihn. Die andere findet ihn furchtbar.
Beides ist völlig in Ordnung.
Nur warum muss die zweite Frau ihren Geschmack zum Maßstab machen?
Nur weil du zu allem eine Meinung hast, muss sie doch nicht jeder kennenlernen. Oder?
Und jetzt stellen wir uns einmal vor, die zweite Frau erzählt am Abend von dieser Begegnung.
„Da saß eine Frau ganz alleine im Café. Ich wollte doch nur nett sein und mich ein bisschen unterhalten. Aber die hat kaum etwas gesagt und ist dann einfach gegangen. Also wirklich, manche Menschen sind schon unfreundlich.“
Vielleicht erzählt sie das so. Vielleicht erzählt sie auch gar nichts.
Wir wissen es nicht.
Und haben ihr gerade trotzdem eine ganze Geschichte in den Mund gelegt.
Uuuups. Und wer interpretiert hier gerade fleißig?
So schnell geht das also.
Aber nehmen wir einmal an, sie hätte tatsächlich erwartet, dass die andere Frau sich über das Gespräch freut. Und wäre nun enttäuscht.
Dann könnte aus dieser Enttäuschung ziemlich schnell eine Wertung werden.
Plötzlich ist die andere Frau unfreundlich.
Dabei hat sie überhaupt nichts versprochen.
Eine enttäuschte Erwartung ist zunächst ein Gefühl. Eine Wertung ist das, was wir daraus machen.
Wie oft sind wir eigentlich von Menschen enttäuscht, die uns gar nichts versprochen haben?
„Ich meine es doch nur gut.“
Diesen Satz kennen wir doch alle.
Und jetzt komme ich mit dem Satz: Das Gegenteil von Gut ist übrigens Gut gemeint. 😉
Aber woher meinen wir eigentlich zu wissen, was einem anderen Menschen guttut?
Vielleicht sind wir manchmal so sehr damit beschäftigt, anderen etwas Gutes tun zu wollen, dass wir gar nicht bemerken, dass es ihnen längst gut geht.
Und wenn unser gut gemeinter Versuch nicht willkommen ist? Dann halten wir den anderen vielleicht für undankbar, unfreundlich oder verständnislos.
Dabei wollte er möglicherweise nur etwas anderes als wir.
Wir sprechen so viel darüber, wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen.
Aber wäre es nicht mindestens genauso interessant, sich einmal zu fragen, weshalb wir glauben, sie überhaupt überschreiten zu dürfen?
Vielleicht wollte die zweite Frau wirklich nur freundlich sein. Vielleicht hat sie nicht bemerkt, dass ihr Gespräch gar nicht willkommen war.
Und vielleicht wollte die erste Frau tatsächlich einfach nur alleine sein.
Keine Gesellschaft. Keine Unterhaltung. Keine Meinung über ihren Kaffeegeschmack.
Nur eine kleine Pause vom Rest der Welt.
Und einen Milchkaffee.
Mit einem Herz aus Zucker und Zimt.
Vielleicht müssen wir gar nicht immer etwas dazu beitragen, damit es einem anderen Menschen gut geht.
Manchmal geht es ihm nämlich schon gut.
Auch ohne uns.