FokusFunken

Wenn Schweigen plötzlich laut wird.

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Da schreibt jemand eine Nachricht. Eine persönliche Nachricht. Vielleicht eine, über die er ein bisschen länger nachgedacht hat. Die ihm wichtig ist.

Er schickt sie ab.

Und dann passiert erst einmal gar nichts.

Keine Antwort. Nicht mal ein kleines „Danke“.

Nun ja. Der andere wird schon seine Gründe haben. Vielleicht ist gerade viel los. Vielleicht wollte er später antworten und hat es schlicht vergessen.

Kann passieren. Passiert uns allen.

Und das weiß der Mensch, der da auf sein Handy schaut, auch ganz genau. Er ist ja nicht blöd.

Nur hilft ihm dieses Wissen gerade herzlich wenig.

Denn da ist plötzlich dieses merkwürdige Gefühl. Eine Unruhe, die sich langsam breitmacht. Und mit ihr kommen die Fragen.

War das zu persönlich? Hätte ich das besser gelassen? Habe ich mich vielleicht ein bisschen lächerlich gemacht?

Ach Mensch. Was ist denn da gerade los? Bin ich eigentlich doof? Erwarte ich wirklich zu viel?

Eigentlich ging es doch nur um eine Nachricht.

Oder vielleicht eben nicht.

Manchmal ist Schweigen nämlich ziemlich laut.

Es gibt Menschen, für die Schweigen einmal etwas ganz anderes bedeutet hat als eine vergessene Antwort.

Es war Strafe.

Ein Gruß, der nicht erwidert wurde. Eine Frage, auf die niemand antwortete. Jemand, der sich einfach wegdrehte. Als wäre man gar nicht da.

Und vielleicht war da ein Kind, das irgendwann gelernt hat, dass Zugehörigkeit nicht selbstverständlich ist. Dass man plötzlich nicht mehr dazugehört, wenn man nicht so funktioniert, wie andere es erwarten.

Das ist verdammt viel für einen kleinen Menschen.

Und dieser kleine Mensch wird irgendwann groß.

Er lernt, dass ihn nicht jeder mögen muss. Und dass ihn auch gar nicht jeder mögen kann. Dass man Grenzen setzen darf. Dass es Menschen gibt, die einem nicht guttun, und dass man sie auch gehen lassen kann.

Vielleicht hat er inzwischen sogar ein ziemlich gutes Leben. Menschen, die ihn lieben. Menschen, bei denen er sein darf, wie er ist.

Und trotzdem sitzt er eines Tages vor seinem Handy.

Wartet auf eine Antwort.

Und spürt diese alte Unruhe.

Dabei weiß er doch längst, dass Schweigen nicht automatisch Ablehnung bedeutet.

Sein Kopf weiß das.

Nur sein Gefühl hat offenbar gerade nicht zugehört.

Und vielleicht ist das der Punkt, an dem es interessant wird.

Denn der Mensch auf der anderen Seite hat möglicherweise überhaupt nichts falsch gemacht. Vielleicht hat er tatsächlich einfach nur einen vollen Tag und die Nachricht ist zwischen all den anderen Dingen untergegangen.

Aber bei dem Menschen, der wartet, sieht das ganz anders aus.

Da ist gerade etwas aufgetaucht, das viel älter ist als diese Nachricht.

Eine Erinnerung. Ein Gefühl. Vielleicht sogar die Angst, wieder nicht dazuzugehören.

Und beides darf gleichzeitig wahr sein.

Der andere meint es möglicherweise gar nicht böse.

Und trotzdem tut sein Schweigen weh. Es kratzt an alten Wunden, von denen man vielleicht dachte, sie wären längst verheilt.

Und dann sitzt man da. Ein erwachsener Mensch, der schon so einiges im Leben gemeistert hat, und versteht sich selbst gerade nicht mehr.

Dabei ist das vielleicht gar nicht so unverständlich.

Vielleicht müssen wir deshalb nicht immer sofort herausfinden, warum jemand nicht antwortet.

Vielleicht lohnt es sich manchmal, etwas anderes zu fragen:

Warum trifft mich das gerade so? Was passiert da eigentlich mit mir?

Nicht, um sich für das eigene Gefühl zu verurteilen. Und schon gar nicht, um sich einzureden, man müsse doch endlich darüber hinweg sein.

Wir müssen nicht jedes Gefühl sofort im Griff haben.

Manchmal tut etwas einfach weh. Auch wenn unser Kopf längst weiß, dass es dafür gerade vielleicht gar keinen Anlass gibt.

Und manchmal ist es gar nicht so einfach, alleine herauszufinden, was da eigentlich los ist.

Man kennt sich doch schließlich. Glaubt man zumindest.

Bis einen so eine blöde unbeantwortete Nachricht plötzlich völlig aus der Bahn wirft.

Und dann?

Vielleicht braucht es gar keinen guten Ratschlag. Vielleicht braucht es jemanden, der zuhört. Der nicht gleich erklärt, warum man sich so fühlt. Sondern einfach mal nachfragt.

Was ist denn da gerade passiert? Was macht das mit dir? Und kennst du dieses Gefühl vielleicht irgendwoher?

Auch das kann Coaching sein.

Nicht, um in der Vergangenheit nach Schuldigen zu suchen. Sondern um sich selbst ein Stück besser zu verstehen. Um zu entdecken, was heute längst anders ist. Und vielleicht auch, was man damals gebraucht hätte und sich heute selbst zugestehen darf.

Und manchmal kommt dabei etwas zum Vorschein, mit dem man überhaupt nicht gerechnet hat.

Vielleicht begegnen wir dabei einem kleinen Menschen, der viel zu früh gelernt hat, an sich selbst zu zweifeln.

Einem Kind, das irgendwann glaubte, es müsse sich seinen Platz verdienen.

Seine Zugehörigkeit. Seine Liebe.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Vielleicht hast du dich auch schon einmal gefragt, warum dich etwas so sehr trifft, obwohl du es dir selbst nicht erklären kannst.

Dann bist du damit nicht allein.

Und vielleicht können wir diesem kleinen Menschen in uns irgendwann etwas sagen, das er damals viel zu selten gehört hat:

Du musstest dir deinen Platz nie verdienen.

Du warst schon damals liebenswert.

Du wusstest es nur noch nicht.